Hallo Leser,
ich lebe noch und entschuldige mich hiermit für meine lange Abwesenheit. Kreative Pause...
Ok, inspiriert durch die Erlebnisse, die meine Freundin gerade mit der Arbeitsagentur hat, habe ich mich an eine kleine Begebenheit erinnert, die mir vor ein paar Jahren geschehen ist und die ich hier zum Besten geben möchte. Diesmal keine künstlerischen Übertreibungen, keine Polemik, keine Satire. Ich versuche jedes Wort aus dem Gedächtnis wiederzugeben.
Übrigens eigene Erlebnisse sind sehr willkommen. Schreibt mir!
Und los geht´s:
Es trug sich zu (im Herbst 2003), dass Dirk, frisch vom Studium kommend, ein Jobangebot in Weimar hatte. Voraussetzung: Arbeitslos gemeldet sein, damit der Arbeitgeber eine fette Förderung absahnen kann. (Nun, dazu kann man stehen wie man will, mir hat das damals einen Job beschert, deswegen halte ich mich mit Kritik zurück.)
Also auf gehts. Zuständig für mich damals das Arbeitsamt Stadtroda. Dort angekommen, Nummer gezogen, gewartet...
Drangekommen. Vor mir sitzt ein circa 19-jähriges Bengelchen mit Goldkette und hellblauem Seidenhemd. Vermutlich Azubi. Aber ok, kein Problem, wir fangen freundlich an...
Ich: Guten Tag.
Er: Guten Tag, was kann ich den für Sie tun?
Ich: Also folgendes, ich bin in fünf Minuten wieder weg, ich habe bereits einen Job sicher, brauche bloß den Stempel, dass ich arbeitslos gemeldet bin, das möchte ich gern erledigen.
Er: (lehnt sich zurück) Nana Herr G. wir machen das hier auf unsere Art.
Ich: (irritiert von so viel Macht) Ok. Kein Problem.
Er: (Fängt an, seine Eingabemaske im Compi aufzurufen und mich abzufragen. Alles mögliche. Ich beschränke mich auf die wesentlichen Punkte.) So, was haben Sie denn die letzten Jahre gemacht?
Ich: Studiert. Soziologie, Politik und Wirtschaft. Als Magisterstudium.
Er: (klickt irritiert, weil er das offenbar nicht findet) Aber abgeschlossen haben Sie das Studium nicht oder was?
Ich: Doch. Klar. Ich habe einen regulären Abschluss als Soziologe. M.A. Magister Artium.
Er: (weiterhin irritiert klickend und zunehmend und aus mir völlig unerfindlichen Gründen immer pampiger werdend) Führerschein? (ja) ... Flexibilität (super)... Krankheiten (voll fit)...(und dann der Hammer) Und wie nennen Sie sich jetzt? Diplomingenieur oder was?
Ich: Äh, nein. Hab ich doch schon gesagt. Soziologe. Magisterabschluss.
Er: (wird immer unruhiger und fragt weiter. Dann:) So. Ich hab jetzt hier zwei Sachen zur Auswahl. Das eine ist Kunsthistoriker und das andere ist Historiker. Müssen Sie mal sagen, was da jetzt auf Sie zutrifft.
Ich: (jetzt sauer) Also, ich hab Ihnen jetzt bereits mehrfach erklärt: Ich bin Soziologe! Kein Historiker, kein Kunsthistoriker! Kein Ingenieur. Soziologe! Kann man in Jena studieren, ist nur 10 km weit weg.
Er: (Trägt irgendwas von Hand in seine Maske ein, guckt noch mal überheblich und schickt mich zu Mitarbeiterin zwei.)
(Cut, zweiter Teil)
Mitarbeiterin zwei erwies sich als äußerst nett, aber leider ebenso völlig überfordert. Sie sollte mit mir mögliche Stellen durchgehen. Mein Einwand einer bereits zugesagten Stelle wurde auch hier ignoriert. Warum auch die Zeit für Menschen nutzen, die wirklich Hilfe und nicht nur einen Stempel brauchen?
Sie: So, gucken wir mal... (und füllt die gleiche Maske aus, die jeder von uns auch im Internet selber ausfüllen kann. Wozu zahle ich nochmal Steuern?)
Treffer: 0.
Ich: (Bemerke, dass in den Voreinstellungen, die Sie von meinem gerade beschriebenen Freund hat, ein Fehler drin ist) Versuchen Sie mal Soziologe einzugeben, nicht Soziolage.
Das klappt. Sie druckt mir zwei Stellen aus. "Mehr gibt es bundesweit für Soziologen nicht", stellt sie fest.
Ich: Ja, nun ist es aber so, dass man zum Beispiel auch im Marketingbereich arbeiten kann. Oder im Journalismus oder Personalwesen, oder oder oder. Das finden Sie nicht unter "Soziologe".
Daraufhin dreht Sie mir ihren Monitor zu, gibt mir ihre Maus und Tastatur und lässt mich selber suchen. Ich - nun völlig irritiert - (Nochmal: Wozu zahle ich gleich Steuern?) finde weitere Stellen. Sie ist sichtlich beeindruckt und entlässt mich zu Mitarbeiterin Nummer Drei. Ich komme mir vor wie bei "Asterix erobert Rom".
Wie auch immer: Mitarbeiterin Drei gibt mir dann endlich und sehr nett den ersehnten Stempel.
...
Seitdem musste ich "Gott sei dank und auf Holz geklopft" kein Arbeitsamt mehr betreten. Habe aber von vielen anderen und nicht minder lustigen und gleichzeitig traurigen Geschichten gehört. Besonders witzig finde ich eine Geschichte, die ich bei der Recherche hier gefunden habe. Es geht um die Computerkenntnisse eines promovierten Informatikers. Wirklich lesenswert.
Ihr habt eigene Erlebnisse mit der Super-Agentur? Dann her damit. Hier werden sie veröffentlicht...
Viele Grüße und schönen Sonntag.
Dirk
Sonntag, April 06, 2008
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

2 Kommentare:
Hi,
ist das nicht deprimierend, wenn man jahrelang studiert und dann gibt es das Studium nicht einmal beim Arbeitsamt im Computer, weil die davon ausgehen, das man eh nicht vermittelbar ist? Ihr armen armen armen Geisteswissenschaftler! ;-) Okay, Spaß beiseite!
Selbst als Naturwissenschaftler kann man auf der Agentur für Arbeit (wie das jetzt heißt) seinen Spaß haben! Hab ja letztes Jahr in Leipzig auch die Lernerei beendet, den Job fast schon in der Tasche gehabt und wollte mir nur die drei Monate Prüfungen zwischenfinanzieren lassen.
In Leipzig haben die ein extra Haus für Akademiker und schwer Vermittelbare. Was für Vorzeichen! Naja, ich weiß gar nicht, wie oft ich frohen Mutes dort aufgetaucht bin, um alle Formulare, Anträge und und und dort abzugeben, um endlich mein Geld zu bekommen. Porto sparen war die Devise. Ich konnte meiner zuständigen Bearbeiterin ja auch irgendwann sagen, dass sie nicht so viel suchen soll, ich hätte ja einen Job, aber eben erst in drei Monaten. Ich hatte damals noch zwei Prüfungen und eine Verteidigung vor mir... - Die gute Frau meinte, wie drei Monate? Dann müßte ich aber trotzdem vorher jeden Job annehmen! Ich meinte nur, na klar - her damit. ...? okay, oder einen ein Euro Job! Okay, dann möchte ich im Friedenspark Rasenmähen! Da hab ich's nicht so weit. Dafür ist die gute Frau dann aber erstaunlich cool geblieben! Ich hatte auch meinen Stempel und unheimlich viele kleine Heftchen mit allen möglichen Tips und alles war gut. :-)
Grüße,
denis
Hi,
also, war nach dem Ende meiner Promotion dort, diesmal in Bielefeld, und meine "Vermittlungsbeauftrage" im Akademikerbereich hat beim Ausfuellen des Peronalbogens in der schon erwaehnten Datenbank anstatt Amerikanistik/Soziologie in ihrer phaenomenalen Zweifingertechnik Amerikanismus/Soziologie eingehackt, um dann mit verdattertem Gesichtsausdruck zu sagen, "das kennt der Computer nicht, was machen wir denn nun?"
Vor Scham habe ich geantwortet, "na macht ja nix, dann such ich selber weiter...'" bloss um da ganz schnell rauszukommen.
Seitdem ist mein Vertrauen in die Agentur hin...
Romy
Kommentar veröffentlichen